Friedhöfe sind keine dunklen Orte

Aktualisiert: 10. Juni 2019

„ Immerhin mich wird umgeben

Gottes Himmel, dort wie hier,

und als Totenlampen schweben

nachts die Sterne über mir.“

Heinrich Heine


Friedhöfe sind keine dunklen Orte. Die meisten Friedhöfe sind hell und lichtdurchflutet. Dennoch: Melancholisch sind sie, diese Gottesäcker. Erinnern sie doch an die Vergänglichkeit des Menschen, an das Vergehen unseres kurzen Erdendaseins. Aber oft sind sie ein Ruhepol im hektischen Treiben. In den europäischen Großstädten liegen sie nicht mehr außerhalb der Stadtmauern, sondern mittendrin.

Schon lange und gerne schlendere ich über Friedhöfe, entziffere Namen und Lebensalter, stelle mir die Lebensgeschichten der Menschen und Familien vor. Auf dem alten Teil des jüdischen Friedhofs in Allersheim gelingt mir das nicht, weil ich kein Hebräisch lesen kann und weil ich auch vergaß, was ein Dozent bei einer Führung in den 80er Jahren erklärte. Im neueren Teil sind zumindest Namen und Daten auch für mich lesbar. Die Symbole deuten auf den Beruf, ahne ich vage. Oft erscheinen zwei sehr ähnliche Zeichen, die ich für mich kurzerhand mit „Ewiges Leben“ statt „Ruhe in Frieden“ übersetze.

Der Friedhof in Allersheim liegt immer noch außerhalb des Dorfes. Eine Mauer umgibt ihn. Nur die Seite, die sich dem Dorf zuwendet und nahe am Taharahaus, dem Totenhaus, steht, ist schön und aus Stein. Die anderen drei Seiten werden von Hohlblocksteinen aus Beton begrenzt. Im öden Ackerland auf der Würzburger Platte ist das Areal weithin sichtbar, auch die hohen, alten Bäume. Neuerdings ist jedoch die Hochspannungsleitung ein klein wenig höher und sichtbarer.

Belegt wurde der Friedhof seit dem 17. Jahrhundert, nachdem das Kloster Bronnbach im Taubertal diesen „wüst liegenden Acker“ verkaufte, welcher „dem Closter ohne das nichts einträgt.“ Jüdische Gräber dürfen nur einmal belegt werden, die Ruhezeit ist zeitlich unbefristet. Denn schließlich gibt es die Vorstellung der Auferstehung der Toten. So erklärt es sich, dass auf dem Allersheimer Friedhof auf großen Flächen kein einziger Stein mehr zu sehen ist. Der Boden fühlt sich wie ein federnder Waldboden an. Ist das nun schwarz oder dunkel, sich vorzustellen, wie viele Gebeine unter diesem weichen Boden liegen? Ich finde die Vorstellung, dass etwas Materielles vom Menschenleben bleibt, jedenfalls eher beruhigend.

An einem sehr heißen, sonnigen Herbsttag zeigte ich diesen Ort Freunden. Auf einmal liefen Rehe hektisch zwischen den Mauern hin und her, während wir über die schon fast gänzlich versunkenen Grabsteine stolperten. Fanden sie die Stelle an der Mauer nicht mehr, über die sie gesprungen waren? Oder lebten sie immer hier und fühlten sich durch uns gestört? Für Rehe und Vögel ist der alte Friedhof ein Rückzugsort. Schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, in einer der schwärzesten Zeiten der deutschen Geschichte, konnte der Bürgermeister die Zerstörung des jüdischen Friedhofs verhindern, indem er auf diesen Ort als notwendigen Lebensraum hinwies.

Zu Beginn des Frühjahrs, an einem sonnigen Tag, konnte eine unserer Fragen beantwortet werden. Meine Schwester und ich wollten fotografieren, das Tor stand einladend offen, kein Schild verbat das Betreten. Ein Steinmetz, der in Sichtweite seine Werkstatt betreibt, sah nach uns und erzählte, dass wir dennoch vorsichtig sein sollten. Das Betreten sei nicht ungefährlich, weil die Grabmäler anders als auf christlichen Friedhöfen kein robustes und langlebiges Fundament hätten und leicht umstürzen könnten, vor allem im neueren Teil. Ganz davon abgesehen, könnten auch die alten Bäume uns erschlagen. Er sei von der Gemeinde beauftragt, sich um das Friedhofsareal zu kümmern. Ein paar Bäume habe er fällen müssen. Er sei auch Jäger und so stelle er manchmal eine Wildkamera auf. Wunderschön seien die Fotos der Rehe im Morgengrauen auf der Mauer. Ein Waschbär wohne in einem Baum und ein Dachs in der Nähe des Totenhauses, vielleicht sogar im Gebälk. Selbstverständlich schieße er nicht auf einem Friedhof. Aber eine Kamera könne man wohl aufstellen. 90 Jahre später ist also der Friedhof immer noch ein Rückzugsraum für Tiere.

Er überließ uns dann noch eine ganze Weile unserem Erkunden und ging zurück an seine Arbeit.

Friedhof heißt auf Hebräisch Bet-hachajim, das soviel bedeutet wie „Haus des ewigen Lebens“, „Haus der Ewigkeit“ oder auch nur „guter Ort“. Wusste ich es doch, der Friedhof in Allersheim ist ein guter Ort: Wer in den vergangenen 400 Jahren hier seine letzte Ruhestätte fand, hat das Firmament der Sterne über sich und Natur um sich herum.

Für eine Besichtigung sollte man sich unbedingt in der Gemeinde Allersheim bei Giebelstadt im Landkreis Würzburg anmelden. www.giebelstadt.de


Dieser Artikel erscheint in ähnlicher Form im Lavendelo, Ausgabe 11 - Thema Schwarz, Juni 2019.

www.lavendelo.de