Laufend sich entschleunigen –Gegensätze, die sich ergänzen

Aktualisiert: 27. Juli 2018


Auf den vielen hunderten Kilometer Jakobsweg, die ich bereits zurücklegt habe, sagte mir ein Österreicher, ich könne gar nicht laufen. Dabei laufe ich schon mein Leben lang. Ich gehe spazieren, ich laufe fern mit Rucksack auf dem Rücken, ich laufe lang mit Skiern unter den Füßen. Einige Jahre lief ich auch schnell und kurz. Nachdem der Mensch alles dafür getan hat, schneller als seine Füße ihn tragen, von A nach B zu kommen, ist es jetzt Trend, sich wieder auf den eigenen Schritt zu konzentrieren. Und das ist besonders schwierig, wenn wir uns vergleichen. Vergleichen macht unglücklich, ist eine einfache psychologische Weisheit. Damals auf dem Camino war ich verblüfft, wie viel Leistungsdruck die Pilger so mitbrachten. Meine Mutter war gestorben und es fühlte sich an, als hätte ich den Boden unter den Füßen verloren. Ohne Konzept oder Plan, ich musste mich tatsächlich sehr häufig auf den Boden setzen oder legen, was manchen, die mich sahen, wohl befremdlich vorkam, wenn ein Trupp von Pilgern gerade erst nach dem Frühstück losgelaufen war und ich schon wieder saß. Ich jedenfalls brauchte diese direkte Verbindung mit Mutter Erde. Um das Ende zu verraten: ich habe meine Tagesetappe geschafft und hatte manchmal das Glück der Langsamen, am Abend die Letzte zu sein, die in einer Herberge ankam und damit ein neues Zimmer alleine belegen zu können, manchmal.

Was heißt also laufen können?

„ Sich in aufrechter Haltung auf den Füßen in schnellerem Tempo so fortbewegen, dass sich jeweils schrittweise für einen kurzen Augenblick beide Sohlen vom Boden lösen“ , sagt der Duden. Spannend ist es, wenn Menschen tatsächlich oder nur träumend nicht laufen können: Angst vor Stillstand, Blockaden, im Alltag stecken bleiben, angewiesen sein auf andere, keine Lösung finden… die Deutungen sind vielfältig. Laufen können hat viel davon in Bewegung zu kommen, vorwärts zu kommen, Lösungen zu finden, zu gestalten. Selber machen. Ich kann auch auf dem Rad oder im Rollstuhl in diesem Sinne laufen.

Von Beruf her bin ich Diplompädagogin und Gestalttherapeutin, seit vielen Jahren in Kliniken tätig. Meistens deute ich nicht, sondern lasse die Menschen Erfahrungen machen. Ich suchte einen Weg, meine Leidenschaft für das Wandern und die Psychotherapie zu verbinden. Im vergangenen Winter erwarb ich mir in einem Lehrgang ein Zertifikat als Wanderführerin. Die Idee dahinter: Stressmanagement im direkten Tun, nämlich Wandern. Stress ist inzwischen ja angeblich eine Volkskrankheit und belastet unser Gesundheitswesen. Meine Prüfungswanderung habe ich an einem meiner Lieblingsplätze im südlichen Steigerwald geplant. Am liebsten sind mir derzeit nämlich Sonntagsausflüge in meiner Heimat Unterfranken mit dem Entdecken von Orten und vielen Pausen. Unterfranken beeindruckt sicher nicht mit Extremen. Ich bin jedoch noch immer überwältigt, wenn ich einen für mich mystischen oder magischen Ort entdecke. Zwischen Iphofen , Markt Einersheim und Birklingen sind Wald, Weinberge, eine alleinstehende Esche, eine Burgruine, Felder, ein Bach, an dem sich Biber bemerkbar machen, ein kleiner See am Dorfrand, eine Kapelle, eine Bildeiche und ein neu angelegter Umweltpfad zu erkunden. Auch an einem Schweinestall komme ich vorbei und der Wald ist zu großen Teilen Nutzwald. Damit die Idylle nicht unerträglich wird! Der Landkreis Kitzingen hat exakt meine Runde als Traumrunde neu beschildert.

Und welcher dieser Orte ist nun mein Kraftort, mein magischer Ort?

Ich kann mich nicht entscheiden zwischen dem Schlossbergsattel und der Ruine Speckfeld.

Der Schlossbergsattel zeigt, wenn man aus dem Wald heraustritt, eine großartige Wiese mit einigen alten Obstbäumen am Rande von Weinbergen, die zu Unterfranken dazu gehören. Eine alte Esche steht da ganz alleine. Die Esche sei ein Opfer der Globalisierung, schreibt Peter Wohlleben, ein Pilz käme nach Europa und befalle sie. Ich liebe diese Esche. Eigentlich wollte ich schreiben, meine Esche. So schnell kann der Mensch sich etwas aneignen. Und mir scheint der Pilz ist noch nicht da. Ein guter Ort zum Picknicken, zum Meditieren, zum Kraft sammeln. Dabei hat man Blick auf eine dunkles Geheimnis im Wald. Ein Gedenkstein verrät, dass hier ein Gendarmerie-Stations-Kommandant auf seinem Patrouillengang von einem Iphöfer Tagelöhner ermordet worden sei. Eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Was für Wörter, was für Bilder. Im 21. Jahrhundert ein friedlicher Ort im Schatten der Esche.

Als ich das allererste Mal den Schlossberg hochstieg, war das im Frühling. Ich hatte noch nie so viel Bärlauch auf einmal gesehen. Der Schlossberg ist ein ausgewiesenes Naturreservat, was bedeutet, dass der Mensch nicht mehr eingreift. Hier entwickelt sich also wieder echter Urwald, ein kleines Biotop zwischen allem Nutzwald. Kommt daher die Bärlauchschwemme? Das muss ich noch erkunden. Jedenfalls ist die Ruine einer Burg auf der Kuppe des Berges auch ein verwunschener Ort. Nur eine Mauer steht, ein paar Gräben, wegen Trichtereinsturz gefährliche Keller. Einer ist das Winterquartier von Fledermäusen. Torturm und Bergfried zugleich soll diese Mauer gewesen sein. Günstig ist die Lage der Burg auf der mittelalterlichen Handelsstraße zwischen Nürnberg und Frankfurt. Das Schicksal vieler Burgen ereilte sie: Plünderung und Zerstörung, Umzug der Adeligen ins Tal in ein vermutlich bequemeres Schloss am Ende des 17. Jahrhunderts, Nutzung der Ruine als Baumaterial durch die Dörfler. Ein Frauenname fällt ins Auge. Elisabeth von Hohenlohe soll eine Schenkung an die Grafen von Limpurg gemacht haben. So träume ich vom Alltagsleben von Frauen auf einer mittelalterlichen Burg. Keine friedlichen Bilder tauchen vor meinem geistigen Auge auf. Und heute? Nur Vogelgesang und das Summen der Insekten.

Bis sich die nächsten Mountainbiker bemerkbar machen.


Der Artikel ist in veränderter Form im Lavendelo, Ausgabe 7- Thema Gegensätze, Juni 2018 erschienen.

www.lavendelo.de