Von Steinmännchen zu Steinbalance

Ein Feld auf den Hügeln von Winterhausen am Silvestermorgen: Gezählt habe ich sie nicht. Vielleicht 20 einfach geschichtete Steinmännchen alle im Abstand, wie es das Social Distancing verlangt. Warum standen sie hier? Ich begann zu fantasieren, ob hier vielleicht eine andere Art von Weihnachtsfeier stattgefunden hatte.

Was will der Mensch eigentlich mit den Steinmännchen?

Steinmännchen sind als Wegzeichnung eine sehr alte und archaische Form und eben auch so aufgeschichtet, dass sie länger halten. Überall auf der Welt. Im Gebirge zeigen sie schon weithin, wo der einfache Übergang, der Pass ist. In der Wüste ohne Pfad geben sie Orientierung, wohin es geht, um zum Wasser oder zur Besiedlung zu kommen. Auch in einem Nationalpark in Utah, wo der Weg über die Felsen lief, ohne dass ein Weg zu erkennen war, war der Rundweg so markiert.

An diese Steinmännchen hielt ich mich vor mehr als 35 Jahren, als die Südküste von Kreta noch nicht als Weitwanderweg markiert war und wir in der Ferne Inselchen entdeckten, die uns in der blaugrünen Ägäis wie das Paradies lockten. Die Steilküste ist nicht einfach geradeaus zu bewandern, Schluchten sind zu queren, gefährliche Klippen zu meiden. Steinmännchen hatte ich noch nie gesehen. Aber mir war sofort klar, dass sie einen Weg auswiesen. Und so nahmen wir den Pfad. Nur kamen wir nie im Paradies am Strand an, sondern gelangten weiter ins Landesinnere. Ein entgegenkommender Wanderer antwortete philosophisch vage auf meine Frage, ob dies der richtige Weg sei: „Les chemins se perdent comme ils se trouvent.“ Aha. Die Wege verlieren sich also, wie sie sich finden.

Religiöse Bräuche sind manchmal mit dem Aufschichten von Steinen verbunden. Ja, auch ich habe einen Stein aus meiner fränkischen Heimat im Rucksack auf dem Jakobsweg mitgetragen, um ihn dann auf dem Cruz de Ferro abzulegen. Ich habe nicht wirklich daran geglaubt, dass ich damit meine Sünden ablege. Aber die bewusste Auseinandersetzung, was ich mit mir herumtrage und um was ich mich erleichtern will, war schon Sinn genug.

Etwas anderes findet sich seit einigen Jahren unter meinen Reisefotos: Steinmännchen, die nun gar nichts mit Wegemarkierung zu tun haben. Ganz naiv habe ich an schönen Plätzen, die ich im letzten Jahrzehnt bereiste, die Steinmännchen bewundert, die in unglaublicher Balance und Leichtigkeit für einen kurzen Moment der Kraft der anrollenden Meereswellen trotzen. Bewundert habe ich in einem erloschenen Krater Steinmännchen aus Lavagestein oder Kiesel in einem Flussbett die wie sagen: Ich war hier. Wobei das Ich ja nicht mehr zu sehen ist. Aber ist das nicht immer so mit den Spuren, die Menschen hinterlassen?

Zu den hinterlassenen Spuren entdecke ich auch Kritisches. Angefeuert durch die Sozialen Medien und den Selbstdarstellungsdrang unserer angeblich narzisstischen Zeit würden Touristen überall auf der Welt Steine bewegen, um sie für eine kurze Zeit als Rockbalancing aufzuschichten, zu fotographieren und ins Netz zu stellen. Dabei würden sie in eigentlich geschützten Gebieten kleinste Lebewesen bedrohen, die unter den Steinen ihren Schutz und ihre Lebensbedingungen gefunden hatten.

Das ist natürlich nicht schön. Vielleicht gehört ein wenig Sachverstand zum Steine stapeln, Steine ausbalancieren. Das findet sich genauso schnell, nämlich in einer Kunstform , einer Form der Landart. Hier werden die Steinmännchen auch gar nicht mehr Steinmännchen genannt, sondern Steinbalance. Unglaubliches entdecke ich da. Manches scheint die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben. Da schweben dicke Brocken auf dünnen.

Meine Faszination ist ungetrübt. Sepp Bögle, der sich selbst Diplomlebenskünstler nennt, balanciert im Sommer am Bodensee und im Winter auf Lanzerote seine Steine aus. Er schreibt folgendes Statement zu Balance:


in der balance sein, heisst auch gesund sein. balance erzeugt eine tiefe

innere zufriedenheit.

zur balance kommt man, indem man die vergangenheit liebevoll loslässt,

also bedingungslos vergeben hat. jedem, auch sich selber. wenn man das

getan hat, ist man in der gegenwart angekommen. und wenn man dann

noch die ängste der zukunft fernhalten kann, bleibt man in der gegenwart,

also in der balance.

es ist so einfach, wenn man es tut und so schwer, wenn man es nur weiss

und nur darüber redet.

Dass kann also beim Steine ausbalancieren erlebt werden. Im inneren Gleichgewicht sein. Im Hier und Jetzt ankommen. Etwas schier Unmögliches schaffen. Neue Wege wagen. Das Ganze körperlich erleben.

Meine Yogalehrerin tröstet uns bei Balanceübungen wackelnde Schülerinnen, das müsse so sein. Wir seien Übende und nur so könnten wir unsere Grenzen erweitern. Wenn wir im Baum stehend nicht mehr wackeln, sei es wohl Zeit für den nächsten Schritt. Im halben Lotus stehend sehen wir dann aus wie Steinmännchen.





In schönerer Form kann dieser Artikel im Lavendelo "Leicht", Ausgabe 19 erworben werden.