Der Himmel ist immer noch blau wie noch nie

Aktualisiert: Mai 10

Alles fing am 2. Tag der strengen bayrischen Ausgangsbeschränkungen mit dem Lied der Allerhöchsten Eisenbahn "Der Himmel ist blau wie noch nie" in meinem Kopf an. Achim war an diesem Tag begeistert, dass es keine Kondensstreifen am Himmel gab. Über WhatsApp haben wir uns Fotos hin und her geschickt, bis Achim zum Gedichte schreiben aufrief. Oh je, wo es doch diese schönen Lyrics aus dem Song gibt, dachte ich. Jetzt sind sie geschrieben unsere Gedichte, so unterschiedlich, wie wir beide sind.


Meines lautet so:


Der Himmel ist blau wie noch nie.

Die Menschen sollen zuhause bleiben.

Nur bei Notwendigkeit die dunklen Mauern verlassen.

Corona, Krone einer Prinzessin oder Virus, geht um die Welt spazieren.

Krönt die Menschen nicht, sondern bringt Atemnot.

Dabei ist der Himmel so blau wie noch nie.


Der Himmel ist blau wie noch nie.

Plötzlich können wir Konsum, Verkehr, Hetze einschränken.

Abstand halten.

Hände waschen.

Manche haben noch immer keine Lust drauf.

Feiern Corona Parties.

Kaufen ein wie verrückt.

Die Schlange vor der Poststelle länger als an Weihnachten.

Der Himmel ist immer noch blau wie noch nie.


Der Himmel ist blau wie noch nie.

Ich stelle mich ein auf die Lage.

Spaziergänge sind erlaubt.

Fahrradfahren ist erlaubt.

Bärlauch sammeln ist erlaubt.

Lächeln wäre erlaubt.

Auf dem Balkon stehen und klatschen wäre erwünscht.

In meiner Stadt schlagen nachts die Kirchenglocken zum Gebet.

Ich stelle eine Kerze ins Fenster.

Venus leuchtet als erster Stern.

Dann ist der Himmel im Hinterhof dunkel und ruhig.


Beate Lutz


Und das ist Achims Version:


Der Himmel ist blau wie noch nie

Der Himmel ist blau wie noch nie,

so klar und trotzdem facettenreich.

Ich schau in meine Galaxie,

und fühl', ich bin melodienreich.

Ich hör in mir den Frühling singen,

wie der Spatz auf jenem Baum.

Mein ganzes Herz will blau erklingen,

als wär`s nicht nur ein Himmels-Traum.

Wie wär ich froh, den Traum zu teilen,

mit andern Hand in Hand zu geh'n.

Doch darf ich nur allein verweilen

und hier auf dem Balkone steh'n.


Achim Horras


Und dann kam noch ein Gedicht von Ilka:


Der Himmel ist immer noch so blau

wie deine Augen als sie mich das letzte Mal ansahen

bevor du in den Saal rolltest.

Himmel

du musst mehr weinen

auf die vertrockneten Menschen in ihrer verstaubten Welt

mit einem Pinsel, einem ganz feinen

mal ich dir Federwolken in dein Feld.


Ilka Hengst-Schneider

Meine schreibende Freundin Tine schickte auch einen Beitrag:


Sonntags ist es jetzt ruhiger

Welche Geräusche fehlen? Rasenmäher, Motorsägen, Heckenscheren können es nicht sein – sie verstummen ja auch in normalen Zeiten an normalen Sonntagen.

Der Himmel ist blau wie noch nie und es herrscht eine Stille, die noch stiller ist als sonst.

Die Stimmen, das Lachen, die tiefen Ausrufe der Gruppen, die sich alle 20 Minuten aus der S-Bahn Richtung Isar ergießen, fehlen. Überrascht von dem Vorortgefühl, von der Außergewöhnlichkeit, hier mit der S-Bahn zu landen, schultern sie keine aufblasbaren Kajaks, Pumpen und Bierkästen mehr. Der Ausflug auf der Isar muss warten.

Diese Stimmen fehlen mir.

Und das Hintergrundrauschen ist anders.

Vom Wehr unten an der Isar ist kaum etwas zu hören – die Isar fließt unverändert – oder vielleicht doch mit der Veränderung, dass es zu trocken ist? Bemerkt überhaupt noch jemand, dass es viel zu trocken ist, auch in diesem Jahr? Die Schneeschmelze fehlt und das dazugehörige vermehrte Wasserrauschen tönt nicht bis zu uns nach oben.

Der Verkehr, der die Menschen zu Feiern, Ausflügen und Kaffee und Kuchen bewegt, ist weniger geworden. Von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, bergrauf und bergrunter – wie schön, dass weniger Autos unterwegs sind.

Die Vögel sind noch da. Im Hintergrund das Blau des Himmels.

Dicht an dicht (viel zu nah beieinander) hocken sie auf hochragenden Astspitzen auf der Hecke und erzählen sich etwas. Ihr Zwitschern schwillt an, ebbt ab, in einem Schwung erheben sie sich, um im nächsten Moment wieder an ihrem Treffpunkt auf der Hecke zu landen. Sie sind mitteilsamer denn je. Sie sind da, wie immer, vielleicht auch etwas lauter, vielleicht auch etwas enger – ob das an der sonstigen Stille liegt?

©tine sprandel, 2020, www.asprandel.de